„Gründer sollten sich in die Position von Investoren versetzen, um deren Denkweise verstehen zu können“

Stefan Reinpold

Im Rahmen seines Studiums hat Stefan Reinpold sich mit der Finanzierung von Startups in der Gründungs- und Wachstumsphase beschäftigt. Der Fokus lag dabei auf Chancen & Risiken der einzelnen Finanzierungsmethoden aus Gründer- und Investorensicht. Aus seiner Beschäftigung mit dem Thema ist ein E-Book entstanden. Im Interview mit GO AHEAD gibt er einen Einblick.

GO AHEAD: 750.000 Euro in 90 Minuten – das deutsche Server-Startup Protonet stellte 2014 einen Crowdfunding-Rekord auf. Kürzlich wurde die Insolvenz gemeldet. Auch einige weitere Startups, die auf Crowdfunding setzten, scheiterten. Schon wird eine Menge über Crowdfunding diskutiert. Was halten Sie von Crowdfunding als Finanzierungsform für Startups? Ist das nur die letzte Chance für Unternehmen, die bei „seriösen“ Investoren durchgefallen sind …

Stefan Reinpold: Crowdfunding ist ein zweischneidiges Schwert. Zwar können junge Unternehmen in kurzer Zeit große Geldbeiträge einwerben und gleichzeitig ihr Unternehmen und dessen Leistungsspektrum promoten. Daneben ist die Schwarmfinanzierung ein wichtiger Faktor, durch den oftmals erst Anschlussfinanzierungen wie etwa durch Business Angels oder Venture Capital Geber ermöglicht werden. Vor allem aufgrund der bürokratischen Hürden, die mit der staatlichen Gründerförderung einhergehen, ist es deshalb nicht verwunderlich, dass Crowdinvesting aus Gründersicht oftmals die beliebtere Finanzierungsmethode ist. Andererseits haben diverse, medienpräsente Insolvenzen von einst erfolgsversprechenden crowdfinanzierten Geschäftsideen zuletzt eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Anleger gezeigt.

Zukünftig müssen Plattformen ihre Projekte und deren Planung deshalb genauer analysieren. Obligatorische Ratings durch externe Agenturen müssen daher Branchenstandard werden. Nur so kann der deutsche Crowdinvesting-Markt wieder an Vertrauen gewinnen und im internationalen Vergleich aufholen.

Herr Reinpold, Sie haben sich im Rahmen Ihrer Bachelorarbeit mit der Finanzierung von jungen Wachstumsunternehmen befasst und ein E-Book zum Thema geschrieben. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Reinpold: Ich habe schon länger die Fernsehserien „Shark Tank“ und das deutsche Pendant „Die Höhle der Löwen“ verfolgt, bei der Startup-Gründer ihre Geschäftsidee erfahrenen Investoren vorstellen, um Geld einzuwerben. Gleichzeitig wurden immer mehr Crowdinvesting-Plattformen in Deutschland gegründet. Nach und nach begann ich mich dann vermehrt mit anderen Finanzierungsformen zu befassen, um die Komplexität des Themas Unternehmensfinanzierung verstehen zu können. Als meine Bachelorarbeit dann auf mich zukam, musste ich nicht lange zögern und entschloss mich darauf aufbauend einen Ratgeber für Gründer und Investoren zu schreiben.

Wer sollte Ihr E-Book lesen? Können Sie uns einen groben Überblick über den Inhalt geben?

Reinpold: Mein E-Book richtet sich vor allem angehende Gründer, die schon eine grobe Geschäftsidee haben, aber sich noch unschlüssig darüber sind, welche finanziellen Hürden auf sie zukommen und wie die Finanzierung eigentlich vonstattengeht. Daneben können jedoch auch interessierte Investoren die deutsche Startup-Szene besser kennen lernen, um verstehen zu können, welche Herausforderungen deutsche Gründer bewältigen müssen.

Das E-Book selbst ist dabei modular aufgebaut, so dass kein Vorwissen vorausgesetzt wird. Anfangs wird vor allem auf theoretische Grundlagen bezüglich Startups und den einzelnen Finanzierungsarten eingegangen. Zudem werden Chancen und Risiken der einzelnen Finanzierungsformen und aktuelle Marktdaten vorgestellt.

Können Sie jungen Gründern in aller Kürze einige Tipps mit auf den Weg geben? Wie soll man an das Thema Finanzierung herangehen?

Reinpold: Angehende Gründer sollten sich rechtzeitig damit befassen, einen Businessplan auszuarbeiten. Dabei sollten sie insbesondere in ihrem Finanzierungskonzept verschiedene Wachstums- und Finanzierungsszenarien – vor allem auch in negativer Hinsicht – einplanen und unbedingt einen Puffer einkalkulieren. Gründer sollten dabei langfristig denken und sich nicht nur allein auf ihr Angebot und dessen Vermarktung konzentrieren. Vielmehr sollten Gründer sich in die Position von Investoren versetzen, um deren Denkweise verstehen zu können. Im Internet gibt es diverse Communities und Verbände für Gründer, in denen man sich mit Gleichgesinnten vernetzen kann. Diese können auch im weiteren Verlauf bei der Suche nach potenziellen Investoren hilfreich sein.

Welche Fehler passieren aus Ihrer Sicht immer wieder beim Thema Finanzierung?

Reinpold: Viele Gründer handeln oftmals unüberlegt und planen unkoordiniert, während sie gleichzeitig die Finanzierung als wichtigste Querschnittsfunktion über alle Unternehmensebenen hinweg vernachlässigen. Der Grund hierfür liegt oftmals schlichtweg einfach an mangelnden betriebswirtschaftlichen Kenntnissen. In der Folge kommt es häufig dazu, dass der eigentliche Finanzbedarf unterschätzt wird.

Ebenso ist auch zu beobachten, dass viele Gründer den Wert ihres Unternehmens völlig überschätzen und hinsichtlich ihrer Finanzkennzahlen falsch kalkulieren. Zudem zeigt sich oftmals, dass sich Startups nicht rechtzeitig um Anschlussfinanzierungen kümmern, wodurch eine Finanzierungslücke entsteht, weil viele Unternehmer unabhängig bleiben wollen. Jedoch kann die Unterstützung durch externe Kapitalgeber neben finanzieller Unterstützung auch operative Expertise mit sich bringen, die vor allem unerfahrenen Gründern zugute kommt.

Wie sehen Sie den Startup-Standort Deutschland? Ist aus Ihrer Sicht genug Geld da? Gibt es genügend Ideen? Was muss sich verändern? Oder ist Deutschland gut aufgestellt?

Reinpold: Deutschland hat eine andere Kultur des Scheiterns, als etwa die USA. Während hierzulande Scheitern noch mit einem negativen Stigma behaftet ist, ist es in vielen Ländern gang und gebe, dass inzwischen erfolgreiche Gründer schon einmal eine Bruchlandung hingelegt haben. Diese Angst vor dem Scheitern hält viele Menschen vor der Gründung ab, was sich auch in der im letzten Jahr gesunkenen Gründerquote widerspiegelt. Neugründungen sind jedoch für den Wirtschaftsstandort Deutschland wichtig, weshalb ein Umdenken stattfinden muss und angehende Gründer besser unterstützt werden müssen.

Insbesondere im finanziellen Sektor zeigt sich Handlungsbedarf. Betrachtet man das derzeit allein durch Crowdlending vermittelte Kapitalvolumen von rund 440 Mio. Euro und das Wachstum im Crowdinvesting-Sektor, so kann privaten Investoren ein gesteigerter Investitionswille nachgesagt werden. Hierbei muss jedoch beachtet werden, dass der Sektor Startup-Crowdinvesting in den letzten Jahren stagniert, während Immobilien-Investments stark an Beliebtheit gewonnen haben und letztes Jahr mit rund 40 Mio. Euro mehr als doppelt so viel Geld in Immobilien floss als in junge Unternehmen.

Gleichzeitig ist auch zu beobachten, dass deutsche Investoren vermehrt auf ausländischen Plattformen wie etwa in Großbritannien investieren, da dortige Investments attraktiver sind. So werden laufzeitunbefristete Investitionsmodelle samt eventueller Beteiligungen bei einem Börsengang inklusive Dividendenzahlungen angeboten.
Es zeigt sich jedoch auch, dass etablierte Finanzierungsformen für Startups auf der Stelle treten. So verzeichneten Business Angel- oder Venture Capital-Investments in den letzten Jahren kaum Zuwächse oder sind sogar rückläufig. Vergleicht man die hierzulande durch Wagniskapital zur Verfügung gestellte Summen etwa mit Israel, so ist der dortige Markt für Risikokapital in der Frühfinanzierungsphase im Verhältnis zum BIP rund zwanzig Mal größer als in Deutschland.

Der Staat muss deshalb zukünftig intervenieren, um junge Wachstumsunternehmen vor allem in den frühen Gründungsphasen finanziell, administrativ und operativ, aber auch durch angepasste Gesetze zu unterstützen. Verbesserte Rahmenbedingungen und weniger administrative Hürden sollten dazu beitragen, dass Gründen wieder attraktiver wird. Gleichzeitig muss aber auch im Schul- und Studienalltag nachgebessert werden, um die potenziellen Gründer von Morgen für die Themen Gründung und Selbständigkeit zu sensibilisieren. Und: Nur wenn Startups es schaffen sich am Markt zu etablieren, steigt auch die Investitionsfreude wieder.

Im internationalen Vergleich zeigt sich dabei auch, dass Deutschland weniger innovativ ist. So werden hauptsächlich bestehende Produkte und Services weiterentwickelt, während es an disruptiven Innovationen fehlt. Deutschland muss folglich daran arbeiten, ein „Gründer-Ökosystem“ zu etablieren, welches das effiziente Zusammenspiel von Gründern, Bildungseinrichtungen, Unternehmen, Investoren und Staat ermöglicht. Nur so kann Deutschland langfristig die Lücke zu anderen Ländern schließen und die Generierung wirtschaftlich interessanter Ideen fördern.

Wie sieht es mit Ihrem Gründergeist aus?

Reinpold: Aufgrund meines derzeitigen Master-Studiums bin ich dahingehend etwas eingeschränkt. Zuletzt habe ich mit meiner Partnerin Die Stellenbörse JOBoost ins Leben gerufen. Daneben planen wir auf unserer Fitness-Plattform NXTFIT, angepasste Trainingspläne anzubieten. Weiterhin wird demnächst unsere Medienagentur Pixeltaucher an den Start gehen, um angehende Gründer beim Online-Marketing zu unterstützen.

Ebenso arbeite ich an der Neuauflage meines Ratgebers zur Startup Finanzierung mit aktualisierten Daten. Weiterhin betreibe ich mit NUMARX einen privaten Blog, der sich mit den Themen Marketing und Finanzen beschäftigt.

Vielen Dank für das Interview

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