European Startup Monitor: Wie sieht das europäische Otto-Normal-Startup aus?

European Startup Monitor

Wie gründet Europa? Wie finanzieren sich europäische Startups? Was unterscheidet die Gründerlandschaften in Deutschland und Schweden, Großbritannien und Israel? Auskunft gibt der erste European Startup Monitor.

Den Deutschen Startup Monitor gibt es bereits seit 2012. Auf Initiative des Bundesverbands Deutscher Startups und unter Mithilfe zahlreicher Partner wurde 2015 zum ersten Mal ein Überblick über die gesamte europäische Gründerlandschaft versucht. 2.300 Startups mit mehr als 31.000 Angestellten aus 28 Ländern wurden für den European Startup Monitor (ESM) unter die Lupe genommen.

Nun ist es ja immer Definitionssache, was eigentlich ein Startup ist und was es ausmacht. Für den ESM wurden Unternehmen befragt, die jünger als 10 Jahre sind, die auf Basis einer hoch innovativen Technologie oder eines neuen Business Modells arbeiten und die Wachstum im Sinn haben (das man auch hervorragend kleinere Brötchen backen kann, haben wir kürzlich in diesem Beitrag beleuchtet). Aus den Ergebnissen kristallisiert sich eine Art europäisches Otto-Normal-Startup heraus:

Das ist das europäische Otto-Normal-Startup

Das Otto-Normal-Startup ist Teil der Digitalwirtschaft und verfolgt ein innovatives Software-as-a-Service-Modell im B2B-Bereich. Man denkt über Landesgrenzen hinaus und hat internationale Märkte zumindest mittelfristig im Blick. Heute den Heimatmarkt, morgen die ganze Welt! Die momentanen 10 Angestellten reichen da nicht aus, in den nächsten Jahren soll das Team rasant wachsen. 80 Mitarbeiter, warum nicht?

Das Gründerteam bilden Männer zwischen 25 und 34 Jahren, die mehrheitlich bereits Gründungserfahrung aufweisen können. Eine Frau gibt es nicht im Durchschnittsteam. Erste Umsätze bis zur 0,5-Millionen-Grenze wurden im ersten Geschäftsjahr eingefahren. Man ist zufrieden mit der Gesamtsituation und blickt optimistisch in die nahe sechsmonatige Zukunft.

2,5 Millionen Euro externes Kapital hat das Otto-Normal-Startup eingesammelt, weitere 3,3 Millionen sollen hinzukommen, um das Wachstum zu beflügeln. Helfen soll die Politik: Man wünscht sich mehr finanzielle Unterstützung und weniger Bürokratie.

Die größten Herausforderungen sieht man im Vertrieb, in der Finanzierung und der Produktentwicklung. Kunden, Kapital und Kreativität müssen her, dann klappt’s auch mit dem Wachstum!

Länderspezifische Besonderheiten: Es lohnt sich, genau hinzusehen

Natürlich kann man die verschiedenen Startup-Systeme in Europa nicht einfach über einen Kamm scheren. Die Gegebenheiten sind europaweit doch sehr unterschiedlich:

Thema „Gründerinnen“: In Deutschland gründen weniger Frauen als im Durchschnitt (14,7 Prozent), nur 12,9 Prozent der Gründer sind Gründerinnen. In Schweden dagegen liegt der Gründerinnen-Anteil bei 33,3 Prozent; in Frankreich bei 26,7 Prozent.

Thema „Mehrfachgründung“: Viele Gründer haben bereits Gründungserfahrung gesammelt: 41 Prozent hatten zum Zeitpunkt der Befragung bereits ein anderes Startup gegründet; 18 Prozent haben sogar mehrere Gründungen hinter sich. Die meisten der Befragten (37 Prozent) sind immer noch Shareholder in ihren Ex-Startups; nur 4,5 Prozent der Befragten haben eine Insolvenz hinter sich. 16 Prozent haben einen Exit hingelegt.

Thema „Scheitern“: Misserfolg schreckt europäische Gründer nicht ab: Im Falle des Scheiterns würden fast 70 Prozent einfach das nächste Startup gründen. Am unerschrockensten sind die rumänischen Gründer – hier würden etwa 90 Prozent als Gründer weitermachen; in Schweden sind es um die 80 Prozent. Die Quote in Deutschland liegt mit 68,5 Prozent ganz knapp unter dem Schnitt, aber immerhin!

Thema „Jobs“: Startups generieren Jobs. Laut ESM zumindest in Deutschland (im Schnitt 15 Mitarbeiter), UK (11,7) und Frankreich (8,7). In Rumänien dagegen haben 27,8 Prozent der Startups gar keine Angestellten, in Österreich sind es 21,1 Prozent, in Schweden 18,6 Prozent. Die Mitarbeiter kommen zu fast 70 Prozent aus dem Heimatland des Startups, zu etwa 20 Prozent aus anderen EU-Ländern und zu etwa 10 Prozent von außerhalb der EU.

Thema „Finanzierung“: Fast 70 Prozent der befragten Gründer finanzieren ihr Startup (unter anderem) mit eigenen Ersparnissen; 25 Prozent mit Geld von Freunden oder der Familie. Nur 4,7 Prozent nutzen Bankdarlehen und nur 9,3 Prozent der befragten Startups sind via Venture Capital finanziert. In Ländern mit einer starken Wirtschaft wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien haben Gründer Zugang zu vielen verschiedenen Finanzierungsquellen. In Ländern wie Rumänien oder der Tschechischen Republik können Gründer dagegen meist nur auf die eigenen Ersparnisse zurückgreifen. Deutschland liegt in den Kategorien Venture Capital (19,1 Prozent) sowie Friends & Family (32 Prozent) im europäischen Vergleich an der Spitze.

Die Themen „Status Quo, Herausforderungen und Erwartungen“: 81,9 Prozent der befragten Startups haben im letzten Geschäftsjahr Umsätze erwirtschaftet. 21 Prozent dieser Startups gaben Umsätze zwischen 150.000 und 500.000 Euro zu Protokoll. Die meisten befragten Startups bewerten ihre geschäftliche Situation als gut oder zufriedenstellend. Nur in Polen und der Tschechischen Republik bewerten die Hälfte der befragten Gründer die wirtschaftliche Lage als schlecht. 72 Prozent blicken positiv ins nächste halbe Jahr.

Unter dem Strich: Insgesamt bewerten vor allem Gründer aus den Niederlanden und Israel die Gründungsbedingungen in ihrem Land als positiv. Deutsche Gründer verteilen schlechte bis mittelmäßige Noten, geht es um Unterstützung seitens der Politik oder traditioneller Konzerne – oder auch um die Vermittlung einer Entrepreneursdenke an Schulen und Universitäten.

Was sagen Sie zu den Ergebnissen? Finden Sie sich und ihr Startup in den Zahlen wieder?

Beitragsbild: tatakis

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