„In fünf Jahren wird die Blockchain als Technologie akzeptiert sein, die ein neues Internet antreibt“

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Geistiges Eigentum bzw. Immaterialgüterrechte sind im Zeitalter des Internets eine komplizierte Angelegenheit. Vor allem dann, wenn es um den nachhaltig-fairen, gleichzeitig aber nicht gängelnden Schutz digitaler Inhalte geht. Kann man ein digitales Kunstwerk genau wie ein analoges verkaufen? Kann der Sammler es richtig besitzen? Ein neues Berliner Startup liefert Antworten auf diese Fragen – und rührt die Werbetrommel für eine disruptive Technologie. Ein Gespräch mit Bruce Pon, CEO von ascribe.

Herr Pon, ascribe versteht sich als Plattform, die „eine fundamental neue Methode“ bietet, „die Zuordnung eines digitalen Werks festzuhalten, es sicher weiterzugeben, und nachzuverfolgen, wo es sich verbreitet“. Könnten Sie das etwas näher erläutern?

Bruce Pon: Gerne. Lassen Sie uns mit einem konkreten Beispiel beginnen: Ein Künstler kann ascribe dafür nutzen, sein Werk zu registrieren und an eine Galerie zum Verkauf zu übergeben. Wenn ein Sammler gefunden ist, kann die Galerie dem Sammler das Werk zusammen mit einem kryptografischen, fälschungssicheren Echtsheitszertifikat übertragen. Das alles passiert via ascribe, die Provenienz der digitalen Kunst wird gesichert und festgehalten. Der Sammler kann das Werk später weiterverkaufen und dem nächsten Sammler die Herkunftsgeschichte dokumentieren.

Abstrakt formuliert macht ascribe es möglich, Autorenrechte zu registrieren, Eigentum zu übertragen und die Verbreitung digitaler Werke nachzuverfolgen. Sobald sich ein Recht oder eine Übertragung in der Blockchain befindet, ist sie dort für immer und für jedermann einsehbar. Ascribe ist eine Platform, die den Urhebern nutzen soll. Die werden nämlich unfair behandelt. Und wir haben erkannt, dass die Blockchain-Technologie es ihnen ermöglichen könnte, die umfassende Kontrolle der etablierten Marktteilnehmer über Inhalte, Vertrieb und Lizenzierung aufzubrechen.

Für diejenigen, die mit der Technologie noch nicht vertraut sind: Könnten Sie kurz erklären, was es mit der Blockchain auf sich hat?

Pon: Die Blockchain ist einfach nur eine Datenbank, bei der jeder dem Inhalt zustimmen muss.

Immer wenn etwas hinzugefügt werden soll, prüfen das alle nach, um sicherzugehen, dass der Inhalt gültig ist. Dann wird er in die Datenbank geschrieben und kann nicht mehr geändert werden. Das ist essentiell, weil viele Korruptions-, Intransparenz- und Betrugsprobleme in unserer Gesellschaft dadurch entstehen, dass Menschen Unterlagen verändern und Dokumente fälschen. Mit einer Blockchain-Datenbank können Aufzeichnungen nicht manipuliert werden. Blockchains verhindern Fehler, bewahren eine einzige Quelle der Wahrheit und machen es Kriminiellen äußerst schwer.

Unsere Dienste laufen auf einem Eigentumsprotokoll mit der Bezeichnung SPOOL (Secure Public Ownership Ledger, auf Deutsch etwa „sicheres öffentliches Eigentumsbuch“), das die Autorenrechte in die Blockchain packt. Das Protokoll ist sehr mächtig, weil es für das Registrieren, Übertragen, Verleihen und Übergeben eines beliebigen nicht-finanziellen Vermögensgegenstands genutzt werden kann – immer unter Verwendung der Blockchain.

Lassen Sie uns kurz über das Immaterialgüterrecht in der digitalen Welt sprechen. ascribe sieht sich selbst auch als die „fehlende Hälfte von Creative Commons“. Vor dem Hintergrund, dass hartes DRM (digitaler Kopieschutz) Kunden verärgert und daher in vielen Bereichen unter Beschuss steht (Paradebeispiel in Deutschland: E-Books), während gleichzeitig von Streaming-/Viewing-Platformen genutzte Lizenmodell es dem Käufer nicht gestatten, ein digitales Werk tatsächlich zu „besitzen“ (Video-Seiten können stets ihre Inhalte wieder löschen), erscheint Ihr Konzept sehr vielversprechend. Allerdings könnten es die Kunden für ein wenig kompliziert halten – oder als ausgeklügelte Form von DRM ablehnen. Was denken Sie?

Pon: Digitale Inhalte kennen heutzutage keine Grenzen – und doch haben wir ein Rechts- und Lizenzierungssystem, das in 180 Ländern jeweils unterschiedlich ausgestaltet ist. Hier in Deutschland werden aufgrund dieses archaischen Systems Inhalte auf YouTube blockiert. Unsere Idee war, dass Urheber ihr Werk direkt an Verbraucher lizenzieren und so das gegenwärtige Lizenzierungssystem umgehen könnten. Ein System, das niemanden glücklich macht – außer die Zwischenhändler.

Unser Dienst hat mit DRM nichts zu tun. Wir versehen das Werk nicht mit Signaturen, und wir sehen keine Beschränkungen für die Wiedergabe vor. In der digitalen Welt kann niemand Kopien verhindern, das ist ein sinnloses Unterfangen. Creative Commons hat versucht, als Schlichter aufzutreten und den Urhebern zu ermöglichen, ihr Werk frei und ohne Kosten für Verbraucher weiterzugeben. Aber nicht alle Urheber wollen ihr Werk kostenfrei weggeben.

Wir geben Urhebern die Chance, zu bestimmen, wie ihr Werk genutzt werden soll. Wir geben ihnen eine Plattform, über die sie Werke verwalten können, über die sie beobachten können, wie sie sich verbreiten – um dann mit Marktplätzen, Galerien und Museen zusammen zu arbeiten und die digitalen Werke zu verkaufen. Mit ascribe können Urheber Verbrauchern Werke direkt übertragen, zusammen mit einem Nachweis der Übertragung in der Blockchain. Wir geben Verbrauchern die Gewissheit, dass sie das Werk direkt vom Urheber gekauft haben.

Was hat Sie zur Entwicklung von ascribe inspiriert? Vermutlich kennen Sie die blockchain-basierte Kryptowährung Bitcoin schon eine ganze Weile, oder?

Pon: Das stimmt. Und wir haben eben festgestellt, dass sich die Bitcoin-Blockchain auch für die Übertragung nicht-finanzieller Vermögensgegenstände nutzen lässt – also prinzipiell für das gesamte geistige Eigentum der Welt. Das bedeutet, dass jeder, dem ein Computer und eine Internetverbindung zur Verfügung steht, in der Lage ist, sein Werk zu vermarkten und zu verkaufen – sogar Menschen aus den ärmsten Regionen der Erde. Talent ist auf der Welt gleichmäßig verteilt, nicht aber der Zugang zu Märkten und Unternehmertum. Wenn wir Leuten in den entlegensten Ecken dabei helfen können, für ihren Beitrag entlohnt zu werden, erschließen wir ein gewaltiges Menschheitspotenzial.

Ein großer Teil des Wertes, der in den letzten zehn Jahren geschaffen wurde, ist geistiges Eigentum, das digital gespeichert ist. Zukünftig wird geistiges Eigentum nur in dem Umfang wachsen, wie die Gesellschaft in eine wissensbasierte Ökonomie übergeht. Daher ist es essentiell, dass wir für die Menschen Möglichkeiten schaffen, ihr digitales Werk zu monetarisieren.

Vor einigen Wochen hat der bekannte Technik-Geek und Bitcoin-Pionier Mike Hearn das Handtuch geschmissen. Unter anderem hat er gesagt, dass das Blockchain-System völlig festgefahren ist, und dass sich die Entwickler in den Haaren liegen. Ohne auf technische Einzelheiten einzugehen: Wie reagieren Sie auf seine Kritik? Was geschieht mit ascribe, wenn die Blockchain eines Tages verschwindet?

Pon: Wir wissen seit zwei Jahren, dass die Blockchain nicht skalierbar ist. Alle Vorschläge zur Erhöhung ihrer Kapazität reichen nicht aus, um das Wachstum des Ökosystems zu bewältigen. Daher erwägen wir, die Bitcoin-Blockchain zu verlassen und unter der Bezeichnung BigchainDB unsere eigene skalierbare Blockchain-Datenbank zu schaffen. Diese Datenbank kann eine Millionen Einträge pro Sekunde bewältigen und ist Open Source. Wir haben gerade eine Betaversion von BigchainDB veröffentlicht und arbeiten mit Pilotkunden an der Integration in deren Systeme.

Das ascribe-Team

Das ascribe-Team: Trent McConaghy (CTO), Bruce Pon (CEO) und Masha McConaghy (CCO)

 

Nehmen wir an, dass die (neue) Blockchain funktioniert. Wie sieht der Markt für ascribed bzw. die eher exklusive Digitalkunst aus? Wenn nur Käufer Gebühren zahlen – so steht es auf Ihrer Website – dann sind Sie ziemlich abhängig von einer großen internationalen Sammlerszene.

Der Kunstmarkt setzt jedes Jahr 50 Milliarden Dollar um. Jedes Museum und Archiv hat seine Sammlungen digitalisiert und sucht nach Wegen der Monetarisierung seiner Vermögenswerte, um Betrieb und Vermarktung zu finanzieren. ascribe gibt diesen Einrichtungen ein Mittel an die Hand. Und selbstverständlich funktioniert unsere Lösung auch mit Büchern, Musik, Filmen – und jeder andere Form digitaler Kreativität, bei der Urheberrechte betroffen sind.  Dann ergibt sich ein weltweiter Markt von 100 bis 200 Milliarden US-Dollar.

Wo sehen Sie ascribe in – sagen wir – fünf Jahren?

Pon: In fünf Jahren wird die Blockchain als Technologie akzeptiert sein, die ein neues Internet antreibt. Tausende von Unternehmen und Entwicklern werden neue Software entwickeln, die die Blockchain integriert. ascribe liefert Kerntechnologie, BigchainDB wird einen Großteil der Innovation antreiben.

Haben Sie abschließend einen Rat für Unternehmer, die in das Blockchain-Business einsteigen wollen?

Pon: Das Internet hat 25 Jahre benötigt, um in der Gesellschaft allgegenwärtig zu werden. Die Blockchain könnte das in 15 Jahren schaffen. Derzeit werden auf Grundlage der Blockchain-Technologie neue Unternehmen gegründet, die die Googles, Apples und SAPs von morgen sein werden. Die Blockchain zwingt die Menschen, eine ökonomische Denkweise mit einer Vielzahl technischer Fortschritte im Bereich der Kryptographie und Datenbanken zu verbinden. Sie ermöglicht es uns zu hinterfragen, wie unsere künftige Gesellschaft aussehen soll – und aktiv an deren Gestaltung mitzuwirken. Ich rufe alle Unternehmer auf, langfristige Betrachtungen anzustellen und Anwendungsszenarien zu identifizieren, die unsere Gesellschaft nach vorne bringen.

Herr Pon, vielen Dank für das Interview.

Bildquellen: ascribe

Das Interview führte Alexander Plaum für den GO AHEAD Gründerblog.

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