Nachhaltig und gut fürs Budget: Die besten Free/Libre- und Open-Source-Tools für Gründer

Open-Source-Tools für Gründer

Freie und quelloffene Software ist längst flügge geworden. Sie deckt eine Vielzahl von Einsatzbereichen ab. Sie steht für Transparenz und Nachhaltigkeit. Sie kostet theoretisch nichts und praktisch nur Admin-Zeit sowie gelegentlich eine (freiwillige) Spende. Außerdem schneidet FLOSS (Free/Libre and Open Source Software) in der IT-Szene durch die Bank hervorragend ab – und ist in vielen Fällen schon genauso komfortabel und schick wie die proprietäre Konkurrenz. Eine Übersicht der besten Tools von LibreOffice bis UniCenta inkl. Einführung ins FLOSS-Universum.

Egal, in welchem Bereich Sie gründen: Fast immer sind am Anfang die finanziellen Mittel knapp, fast immer lassen sich bestimmte Anschaffungen aber nicht vermeiden. Dazu zählt definitiv eine moderne IT-Infrastruktur. Selbst ein kleiner Handwerksbetrieb oder ein Restaurant kommt nicht aus ohne Office-Paket, computerbasiertes Kassen-/Rechnungssystem und (mobile) Website. Wer im Bereich Medien und Beratung unterwegs ist, braucht meist eine ganze Batterie an Software und Hardware. Und die ist kostspielig. Oder? Nicht unbedingt. Wer auf Free und Open Source Software – und auch Hardware – ausweicht, kann viel Geld sparen, nachhaltige IT-Kultur unterstützen und außerdem technischen Ärger vermeiden.

Was ist Free/Libre und Open Source Software?

Die Antwort auf diese Frage hat bereits ganze Bücher gefüllt. Die Unterscheidung „free/libre“ und „open“ ist letztlich ein Politikum. De facto sind Programme mit diesen Labels quelloffen (jeder kann den Code anschauen), veränderbar (jeder kann etwas verbessern), beliebig weiterkopierbar, (natürlich legal) und für jeden Zweck einsetzbar. FLOSS ist im Netz meist kostenfrei verfügbar und wird fast immer von Communitys entwickelt. Ziel der Bewegung ist nachhaltige, stabile, demokratisch designte Software ohne Fußangeln. Dadurch, dass eine Vielzahl von vertrauenswürdigen Menschen rund um den Globus jederzeit die Source inspizieren können, sind die Programme relativ sicher (Hintertürchen werden entdeckt). Im Desktopbereich (= PC auf dem Schreibtisch) ist FLOSS aufgrund ihrer relativ geringen Verbreitung (und des guten Images) in der Regel auch kein Ziel von Viren und Malware – gerade beim Offline-Einsatz unter alternativen Betriebssystemen.

 

 

Kosten für Lizenzen und Support

Bei FLOSS herrscht statt des Copyright-Prinzips der Copyleft-Gedanke. Auch offene, freie Programme unterliegen aber Lizenzen mit bestimmten Nutzungsrechten und -pflichten (zum Beispiel der GPL) – für die allerdings keine Gebühren fällig werden. Dieser Unterschied zwischen FLOSS und propietärer Software (z. B. Excel von Microsoft) fällt Anwendern meist als erstes auf. Die neueste Version des Betriebssystems Ubuntu mit der Bürosuite LibreOffice und dem Rechnungsprogramm Fakturama kostet: nichts. Die neue Version von Windows mit MS Office und Lexware kostet: je nach Quelle vermutlich ein paar Hundert Euro.

Einrichtung und Wartung bzw. Support, der über eine Fragerunde in Foren hinausgeht, ist freilich auch bei FLOSS nicht kostenlos zu haben. IT-Profis möchten (und sollen) Geld verdienen, egal welche Datenbank und welchen Druckertreiber die Kunden benutzen. Allerdings: Einer zunehmenden Zahl fortschrittlicher Berater und Admins macht es mehr Spaß, sich mit FLOSS zu beschäftigen als mit proprietären Systemen.

Offene Betriebsysteme

Auch wenn Sie zunächst darauf verzichten können, weil das auf dem Firmenrechner installierte Betriebsystem bereits bezahlt ist und eine Menge FLOSS auch unter Windows, OS X bzw. im Web läuft: Nachhaltig und versiert wird’s, wenn direkt ein Open Source Operating System zum Einsatz kommt, sprich: eine der zahlreichen Linux-Varianten.
Deren kommentiere Auflistung ist Gegenstand eigener Websites und Blogs, deswegen hier nur eine kleine Auswahl besonders populärer bzw. bewährter Distributionen: Ubuntu, OpenSuse, Fedora, Knoppix, Linux Mint. Wer als Desktop-Oberfläche XFCE oder LXDE wählt, bekommt nicht nur einen (aus Nostalgiegründen vielleicht bevorzugten) Windows-Look, sondern auch eine Menge Performance trotz eventuell angestaubter Hardware. Für Apfelliebhaber gibt es mintyMAC – ebenfalls sehr ressourcenschonend.

Offene Standard-Programme für alle

Alltägliche Schreibarbeiten lassen sich hervorragend mit dem Writer (= Word) von LibreOffice erledigen. Die Suite verfügt außerdem über viele andere Komponenten, z. B. Calc (= Excel), Impress (=PowerPoint) oder Base (Access). Als Notizbuch-Tool empfiehlt sich Xournal (= OneNote). Und wer flott und unkompliziert ein Diagramm basteln möchte, der teste Dia.

Ein populäres Open-Source-Kassensystem (Point-of-Sale System) ist Unicenta, das idealweise mit Hilfe fortgeschrittener User bzw. Admins aufgesetzt werden sollte. Eine für den Gastrobereich gut geeignete (und gegen Gebühr schlüsselfertig erhältliche) Alternative heißt Bill Gastro.

Wer ein professionelles Warenwirtschafschaftssystem benötigt, kann folgende Software ausprobieren: OpenBravo (eher für größere Unternehmen, FLOSS mit zunehmend kommerziellem Einfluss), OpenZ (deutsche Fork von OpenBravo) oder WaWision (Dokumentation etwas mager). Achtung: Installation und Inbetriebnahme sind deutlich komplizierter als bei LibreOffice & Co. Außerdem können in diesem Bereich proprietäre Lösungen unter Umständen günstiger/komfortabler sein.

Die Open-Source-Variante zum Schreiben von Angeboten, Auftragsbestätigungen, Rechnungen & Co. heißt Fakturama. Ein gerade für kleinere Unternehmen sehr praktisches Programm inkl. richtiger Datenbank, das u. a. auch elektronische Rechnungsstellung im offiziellen ZUGFerD-Format unterstützt. Außerdem lässt sich Fakturama an den eigenen Webshop anbinden – jedenfalls mit fachmännischer Hilfe.

Offene Tools für Medienmacher und Agenturen

Sie machen viel mit Grafik, Design und Publishing? Dann lohnt sich definitiv ein Blick auf GIMP (für die Bildbearbeitung, entspricht Photoshop), Scribus (für Layout/Satz, entspricht InDesign) und InkScape (für Vektrografiken, entspricht Illustrator). Ein weiteres beindruckendes FLOSS-Programm für Profis ist die 3D-Grafiksoftware Blender.

Trotz ernormer Fortschritte in den letzten Jahren haben die meisten der genannten Programme Leistungsfähigkeit und Komfort der „Industry Standards“ noch nicht zu 100 % erreicht, aber sie sind auf gutem Weg dorthin – und für die meist anfallenden Routineaufgaben schon jetzt nahezu perfekt. Gelegentlich auftretende Inkompatiblitäten (die meist auf das Konto der proprietären Systeme gehen) sollte man sich nicht zu Herzen nehmen.

Im offenen Web

Im Web sind offene Standards und Tools allgegenwärtig, was Sie nicht zuletzt an der unglaublichen Verbreitung von Firefox (Browser), Thunderbird (E-Mail-Client) oder WordPress (Blog/CMS) ablesen können. Oder – für Fortgeschrittene – an der von Apache HTTP Server (Web-Server), BIND (DNS-Server) und MySQL (Datenbank-Server). Anders ausgedrückt: Hier gestaltet sich die Suche und Umsetzung von FLOSS-Lösungen noch erheblich leichter.

Eine einfache, schicke und auch für Mobilgeräte geeignete Website (einfach passende Themes wählen) lässt sich ohne Ingenieurdiplom mit Systemen wie WordPress, Drupal oder Joomla basteln. Entwickler und Berater stehen kostengünstig und in großer Zahl zur Verfügung. Wer seine Seite selber „bespielt“, dem leistet das FTP-Tool Filezilla gute Dienste.

Beim Aufsetzen von Shop-Systemen werden die meisten Gründer Support benötigen, von IT-Profis und Gewerbetreibenden empfohlene Open-Source-Lösungen sind hier u. a. Magento oder die Community Editions von OXID oder Shopware.

Da es in Sachen FLOSS eigentlich nichts mehr gibt, dass es nicht gibt, haben auch schwergewichtige Costumer-Relationship-Management-Systeme (CRM-Systeme) wie Salesforce quelloffene Konkurrenz bekommen: Hoch im Kurs in Vertriebsabteilungen mit alternativem Anstrich bzw. kleinerem Budget: SuiteCRM. Auch mächtige Enterprise-Portale gibt?s mittlerweile in free und open: Liferay lässt grüßen.

Ein paar Nummern kleiner, einfacher und für frischgebackene Gründer zunächst bestimmt praktischer sind offene Google Drive/Apps- bzw. Dropbox-Alternativen wie OwnCloud oder ohne Einschränkungen und kostenlos nutzbare Mailing-Software wie Roundcube oder PHP-List.

Offene Virtualisierung und offene Hardware

In der Einleitung wurde es bereits angedeutet: Es gibt auch Möglichkeiten, sich in Sachen Hardware zu emanzipieren bzw. eine Menge Geld zu sparen. Statt zum Beispiel 10 vollwertige PCs im Büro aufzubauen, deren Kapazitäten eigentlich nie ausgelastet sind, kann man einen Teil dieser Rechner auch „künstlich“ erzeugen. Wie das en Detail funktioniert, soll hier keine Rolle spielen, nur so viel: Am Arbeitsplatz steht nur noch ein Bildschirm mit einem sogenannten Zero-Client. Ein Server (anderer Rechner) liefert den virtuellen Desktop – Sie können ansonsten ganz normal arbeiten. Ermöglicht wird eine solche Infrastruktur z.B. durch Open-Source-Software wie KVM, die bereits im Linux-Kernel enthalten ist und mit virt-manager sehr komfortabel verwaltet werden kann. Auch Proxmox eignet sich sehr gut für Virtualisierungsprojekte. Neben den Anschaffungskosten für die Hardware sparen Sie hier übrigens Strom und Admin-Zeit.

Seit gut drei Jahren mischt ein kleines Stück Open Hardware aus Großbritannien die Garagen und Bastelzimmer der Welt auf: Der Raspberry PI. Dieser Einplatinencomputer ist aber nicht nur für Geeks und Tüftler (bzw. Schüler und Studendeten) geeignet, er lässt sich ohne große Vorkenntnisse als nahezu vollwertiger PC im Business-Bereich einsetzen. Dafür braucht man neben dem Board selbst lediglich folgende, leicht und überall beschaffbare Zusatzteile: Ein Netzteil, eine SD-Karte, einen USB-Hub, eine Tastatur, eine Maus, einen Monitor. Und ein Gehäuse sollte man dem Gerät vielleicht auch spendieren. Kostenpunkt für alles zusammen: ca. 150 Euro. Dafür gibt’s selbst beim Discounter keinen Rechner.

Und die Software für den Raspberry Pi? Ist natürlich Open Source! Raspbian heißt hier die hauseigene Variante des Linux-Betriebsystems.

Fazit

Auch wenn Sie noch zögerlich sind oder sich extrem an klassische Proprietär-Systeme gewöhnt haben: Geben Sie sich einen Ruck und probieren Sie ein paar der großartigen FLOSS-Tools da draußen aus. Sie sind schon lange nicht mehr sperrig und hässlich. Das Angebot ist riesig und erstreckt sich auf alle Bereiche, die man sich als Gründer vorstellen kann. Sie sparen kurz- und langfristig Geld – und mit großer Wahrscheinlichkeit eine Menge Nerven. Außerdem gewinnen Sie an Flexibilität. Last but not least wird nicht nur der Admin Fan von Ihnen, sondern auch die offene/freie IT-Community – vor allem dann, wenn Sie hin- und wieder eine kleine Spende übrig haben.

Weiterführende Links:
http://fsfe.org/
http://opensource.org/

Foto © Janka Dharmasena


Autoren:

  • Alexander Plaum ist Online-Redakteur mit Gründer-Background und Fan freier Software.
  • Harald Sichert ist Inhaber der IT-Beratungsfirma myvision, Projektmanager und Open-Source-Afficionado der ersten Stunde.
  • Martin Schmidt arbeitet bei myvision im Bereich Verwaltung, Vertrieb und Kundenbetreuung. Auch sein Herz schlägt für FLOSS.

3 Kommentare zu “Nachhaltig und gut fürs Budget: Die besten Free/Libre- und Open-Source-Tools für Gründer

  1. Hallo Herr Plaum, vielen Dank für den Hinweis auf Fakturama. Die Homepage des Programmes hat sich kürzlich geändert in http://www.fakturama.info. Könnten Sie das bitte noch im Text ändern? Besten Dank vorab.

    Ralf Heydenreich

  2. Thomas Kemp

    Hallo Herr Heydenreich,
    vielen Dank für die Info. Wir haben den Link im Artikel angepasst.
    Schöne Grüße

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